August 15 2011 Monday at 02:00 PM

In der Luft genäht

Warst du schon mal in St. Gallen? Nein? Hier ist ein guter Grund, das zu ändern: Das Textilmuseum St. Gallen zeigt noch bis Ende Jahr die Ausstellung „St Gall - Die Spitzengeschichte“. Im Zeitraffer werden auf drei Etagen die Stickereischätze der Vergangenheit bis zur heutigen Zeit gezeigt. Zu diesem Anlass organisierte das Schweizer Modemagazin Bolero eine Führung mit dem international renommierten St. Galler Stoffdesigner Martin Leuthold, der die Ausstellung zusammen mit dem Luzerner Kostümbildner Bernhard Duss auch kuratierte. Ich war dabei.

Nichts wurde bei dieser Ausstellung dem Zufall überlassen. Sehr augenfällig ist die Farbe Mauve. Als Aufhänger zieht sie sich unaufdringlich und lieblich durch die ganze Ausstellung. Mauve, zu Deutsch Malve, war die erste künstliche Farbe in der Spitzengeschichte. Sie wurde 1856 durch Zufall entdeckt.
Die oberste Etage trägt den Titel "Inspiration". Hier wird ausschliesslich ausländische Spitze aus dem 15. bis 17. Jahrhundert gezeigt wird. Alles Handarbeit, sogenannte Klöppel- und Nadelspitze. Die Spitzenzentren Italien und Flandern gehörten damals zu den reichsten Ländern Europas. Der Wert für ein Spitzenkleid aus diesen Gegenden entsprach etwa dem eines Rebbergs. Nur der Adel konnte sich so einen Luxus leisten.

Nach diesem prunkvollen Einstieg geht's im luftigen Treppenhaus eine Etage nach unten, wo wir zur "Interpretation" der Spitze gelangen. Die aus ganz Europa gesammelten Kreationen bildeten die Basis für die Entwicklung der weltberühmten St. Galler Stickerei. Hier zeigt die Ausstellung St. Gallens Stickereiblütezeit in voller Pracht. Als "Swiss Brodery" und "Broderie suisse" machte die St. Galler Stickerei im 19. Jahrhundert weltweit Furore. Der Stickereiexport liess die Stadt explodieren. Dem St. Galler Charles Wetter-Rüsch gelang es 1883, Spitzen industriell herzustellen. Er bestickte Seide mit Baumwolle und entfernte anschliessend die Seide mithilfe eines einfachen chemischen Tricks, auf den er durch Zufall gestossen war. Für das Auflösen der Seide genügt nämlich harmloses Soda. Dies war also die Geburtsstunde der Ätzstickerei. Dabei sehen die Spitzen so aus, als seien sie in der Luft genäht. Diese Erfindung ermöglicht es, fast alle historischen Spitzenarten und auch Spitzen fremder Kulturen zu imitieren.

Am Ende der Führung hatte unsere Gruppe das Vergnügen, im Parterre einen Stickvorgang auf einer Handstickmaschine live zu erleben. Dies war sehr eindrücklich.
Die Informationen für diesen Artikel habe ich dem wunderschönen Buch „St. Gall“ entnommen. Diese Publikation erscheint anlässlich dieser Ausstellung «St. Gall – Die Spitzengeschichte» (hier + jetzt – Verlag für Kultur und Geschichte, Baden). Wer eine Schwäche für schöne Buchbinderei hat, wird bei diesem Bijou Gänsehaut kriegen. Versprochen. Es wurden nur 800 Exemplare gedruckt, daher schnell, wer noch eins ergattern will.

Ich fand diese Ausstellung wirklich phänomenal. Ein guter Grund, nach St. Gallen zu fahren. Mindestens so gut wie der Genuss einer original St. Galler Bratwurst. Eine solche gönnte ich mir dann auch noch. Natürlich ohne Senf ;).